08.11.2011

Margaretenstift - semper reformanda / Top Thema in der cts Kontakte 3/2011

                                  

Stationäres FamilienClearing (SFC) – eine ganz neue Hilfeform

 

Im Rahmen von zwei Fachdialogen stellte Dipl.-Päd. Erhard Zimmer, Leiter des Margaretenstiftes und Geschäftsführer der IF Trier gGmbH, im Februar und Juni 2010 insgesamt 15 Jugendämtern aus der Großregion Saarland, Hunsrück, Trier, Eifel, Westpfalz und Luxemburg sowie  FamilienrichterInnen aus dieser Region das neue Konzept Stationäres FamilienClearing (SFC)  vor. Das SFC bietet den Familien wie auch den beteiligten entscheidenden Instanzen die oft alternativlose Möglichkeit, in einem stationären Modus die elterlichen und familiären (Entwicklungs-)-Möglichkeiten abzuklären und somit eine Basis für zukunftsweisende kindbezogene Entscheidungen seitens der Jugendämter und/oder der Familiengerichte zu legen.

 

Aufgrund des absichernden stationären Kontextes und der im IF seit über 15 Jahren bewährten Familiengruppenarbeit besteht im SFC die Möglichkeit, Familien zu begutachten und zu begleiten, die im IF nicht oder noch nicht aufgenommen werden können, weil das bestehende oder zu vermutende Gefährdungspotenzial in diesen Familien eine ambulante Arbeit nicht mehr zulässt. Ohne SFC war in der Vergangenheit eine Herausnahme der Kinder aus diesen Familien in der Regel unvermeidbar.

 

Auf der Basis positiven Resonanz aus den Fachdialogen kaufte das Margaretenstift ein zweites Haus am Standort Mariahütte, das innerhalb weniger Monate aufwendig kernsaniert und zweckgemäß umgebaut werden konnte. Bereits am 15. November 2010 zogen die ersten Familien in das insgesamt 560 Qaudratmeter große und mit viel Liebe zum Detail renovierte Haus ein, die dann sukzessive über Weihnachten und Silvester zu einer Familiengruppe heranwuchsen. Ein 12-köpfiges multiprofessionelles Team (SozialarbeiterInnen, Erzieherin, Kinderkrankenschwester, Hauswirtschaftsmeisterin, Psychologin, Nachtbereitschaften) hat bis dato 12 Familien im SFC aufgenommen; von diesen 12 Familien haben bereits 7 Familien nach einer durchschnittlichen Verweildauer von  4 Monaten das Clearing abgeschlossen; aktuell wohnen 5 Familien (9 Erwachsene + 10 Kinder) im SFC.

 

Wie die übrigen Innovationen im Margaretenstift ist auch das SFC sehr gut angedockt an die Universitäten Trier und Luxemburg. Erhard Zimmer ist seit 10 Jahren Lehrbeauftragter an der Universität Trier und seit 2010 auch Lehrbeauftragter an der Universität Luxemburg und verbindet auf diesem Weg innovative soziale Praxis mit Lehre und Forschung und umgekehrt. Im Rahmen dieser guten Zusammenarbeit übernimmt Ass. Prof. Dr. Ulla Peters von der Uni Luxemburg die wissenschaftliche Begleitung des SFC und bereitet zudem ein Forschungsprojekt vor zu dem Thema " Beteiligung an der Entscheidungsfindung im Bereich des Kinderschutzes“, an dem neben dem Margaretenstift mit dem SFC auch noch zwei luxemburgische Einrichtungen der Jugendhilfe teilnehmen.

 

Auch die Uni Trier ist an der Entwicklung dieser innovativen Hilfeform interessiert. Eine Diplomandin untersucht derzeit die Handlungspraxis der AkteurInnen (KlientInnen wie Profis) des SFC und ein Seminar beschäftigt sich ausführlich mit speziellen Themen wie der Bedeutung der Familiengruppenarbeit für den Clearingprozess. Aktuell entsteht an der Uni Trier auch eine Diplomarbeit, bei der Interviews zur Einschätzung der Nachhaltigkeit der Integrativen Familienhilfe (IF) mit ehemaligen IF-Familien in Saarbrücken, Trier, Chemnitz und Eilenburg bei Leipzig durchgeführt und ausgewertet werden; sobald das Verfahren übertragbar ist, soll auch die Arbeit des SFC analog nach dem hier entwickelten Verfahren untersucht werden.

 

Der dritte Fachdialog in dieser Reihe soll am 07. Oktober 2011 vormittags stattfinden, um im Sinne einer offensiven Qualitätssicherung und -entwicklung eine erste vorsichtige Bilanz zu ziehen. Prof. Dr. Reinhard Wiesner (der "Vater" des KJHG) hat sein Kommen zugesagt; er hat bereits im Jahr 1995 mit seiner Entscheidung für das einzigartige Bundesmodellprojekt IF die Entwicklung der Familienarbeit im Margaretenstift maßgeblich gefördert. Prof. Dr. Wiesner wird das SFC aus dem Blickwinkel des Gesetzgebers beleuchten und in den Kontext zu den aktuellen bundesweiten Diskussionen um die gesetzlichen  Rahmenbedingungen zum Thema Kindeswohl stellen. Frau Ass. Prof. Dr. Petersen wird während des Fachdialogs die ersten frühen Einblicke aus wissenschaftlicher Perspektive präsentieren. Der Fachdialog findet auf dem Hofgut Imsbach in Theley statt, wo das Margaretenstift an einem historisch bedeutsamen und landschaftlich sehr reizvollen Standort bereits Mitte April dieses Jahres eine weitere Geschwisterwohngruppe eröffnet hat.

 

Wenn man bedenkt, dass das Margaretenstift im Laufe des letzten Jahres noch einige weitere Angebote (z. B. Familiengruppe für 4 Geschwisterkinder,  individualpädagogische Kleinstgruppe für ehemalige Erziehungsstellenkinder, eine integrative Kleingruppe mit 6 Plätzen, eine PES für 3 Geschwisterkinder ... ) realisiert hat, so bleibt am Ende festzuhalten, dass sich über die letzten Jahrzehnte im Margaretenstiftt zwar viel  verändert hat, aber das identitässtiftende Grundkonzept bewahrt wurde. So webt das Margaretenstift den bewährten Ansatz der Integrativen Hilfen stetig und konsequent wie einen roten Faden in der Einrichtung ein und sieht sich nach wie vor im Interesse der KlientInnen und der eigenen Falltreue und der hierdurch erforderlichen Weiterentwicklung seinem wichtigen Motto "semper reformanda" verpflichtet.   

 

vgl. auch Textveroeffentlichung als Top Thema in der cts Kontakte 3/2011, S. 3/5